Ein Experiment. Viele Fragen. Mehrere Lösungen.
Was haben Verben wie “durchlaufen”, “unterstellen” oder auch “übergehen” gemeinsam?
Richtig, liebe Leserin oder lieber Leser! Wenn es jetzt im Hirn klingelt und rattert, dann hast du gut aufgepasst im Unterricht: es handelt sich - was ihre Verwandlungskunst anbelangt - um Verben allerhöchster Güte. Immer verbunden mit der recht kniffligen Frage: Werden sie in ihrem Kontext in trennbaren oder untrennbaren Zustand verwendent.
Und was ist dann mit “umkommen” oder “übertreiben”? Gibt´s die auch zwei Mal? Nee, natürlich nicht. Aber das muss man wissen. Denn möglich ist scheinbar alles in diesem doch recht trockenen Bereich der Sprache - auch Grammatik genannt.
Fragen wir uns also lieber: Wie ist das mit uns Menschen? In welchem Zustand befinden sich unsere Seelen? Auch alles möglich? Trennung oder nicht Trennung? Oder vielleicht gerade wieder glücklich verliebt?
Was passiert, wenn man Studierenden die Aufgabe gibt, mit diesen hundsgemeinen Verben eine Liebesgeschichte zu schreiben, kann im Folgenden bestaunt werden. Da geht es um des Teufels Liebe zu Rotkäppchens Großmutter, zwei Planktone, die ihre große Lieb in einer Pfütze finden, die Liebe der Fremdlinge zu den Erdbewohnern oder das tragische Ende eines jungen Mannes.
Eine Auswertung des Experiments erfolgt an dieser Stelle nicht, sondern nur individuell, unsystematisch, emotional und überhaupt ganz unwissenschaftlich… - jeder bilde sich selbst ein Urteil!
Pfützenromanze
Vor langer langer Zeit lebten in einer kleinen Pfütze zwei einsame Planktons namens Ruudi und Betty.
An einem regnerischen Tag langweilte Ruudi sich und schwebte durch die Pfütze, die schön nass und schleimig war. Da durchblitzte Ruudi die Idee, dass er dringend eine Freundin bräuchte. Er schaute sich in der Pfütze um und bemerkte auf einmal einen schönen Plankton, das Betty hieß.
Ruudi schwebte zu Betty und sie haben sich unterhalten. Die zwei verliebten sich und ihre Beziehung verlief traumhaft gut. Immer, wenn sie sich trafen, umarmten sie sich. Manchmal unterstellte Ruudi Betty, dass sie nicht treu ist, aber das war übertrieben. Zum Glück durchlebten sie die Phase und lebten fröhlich weiter.
Leider war ihr Glück nicht ewig. Bald merkten Ruudi und Betty, dass viele Kinder die Pfütze durchliefen und es immer weniger Wasser gab. Bald fing die Sonne an die Pfütze zu durchdringen und es blieb wahnsinnig wenig Wasser in die Pfütze. Ruudi überzeugte Betty , dass sie von dieser Pfütze wegschweben müssen, aber sie haben sich überschätzt und die Zeit verlief zu schnell… Die Sonne wurde immer wärmer und wärmer und die kleine Pfütze verschwand. Die zwei kleine Planktons haben es nicht überlebt…
Autoren: Liisa Ani, Helena Kaasik, Tõnu Martis
Verbotene Liebe
Diese Geschichte handelt von einem sehr gutaussehenden Mann, der mit nur einem Blick die Frauen von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugen konnte. Er hat sich immer nach reichen und schönen Frauen umgeschaut. Er reiste um die Welt und wo immer er auch gewesen ist, hat er Leidenschaft in jeder Frau entzündet.
Aber jedes Mal, wenn er einer mit einem besonderen Eifer ihre Bedürfnisse befriedigt hatte, hat er in seinen Gedanken, mit seinem Blick, einen Mann umarmt. Obwohl er Frauen durchschaut hat, fand er ihr Benehmen übertrieben. Er verstand Frauen, jedoch blieben Männer für ihn ein Rätsel, das er lösen wollte. Das konnte er aber nicht, weil Liebe zwischen zwei Männer in der Gesellschaft ein Tabu war.
Die Pein wurde von Tag zu Tag größer, bis er daran zerbrochen ist. Er hat ein Brief geschrieben, den letzten in seinem Leben. Da stand:
"Ich habe viel durchgelebt und bin an einem Punkt gelandet, wo ich nicht mehr weitergehen oder zurückkehren kann. Ich habe in meinem Leben Liebe vortäuschen müssen, weil ich den einzigen, den ich geliebt habe, nicht lieben konnte. Ich WILL und KANN nicht mehr, wenn die Welt meine Liebe nicht akzeptieren kann."
AutorInnen: Maarja Petrova und Reet Rosenblatt
Der Teufel und eine Großmutter
Liebesgeschichte
An einem schönen Tag spazierte der Teufel in einer Stadt auf der Erde herum. Er war so gut drauf, dass er die Straβenlampen umarmte und dabei nur einige umstieβ. Er hörte die Vögel singen und überstand dieses „furchtbare Pfeifen“ ohne umzukehren und zurück in die Hölle zu fliehen. Er schaute sich um und sah einige Jugendliche. Sie unterhieltn sich miteinander. „Gehen wir heute in die Disko?“ fragte einer von denen, ein junger Mann mit einer umgekehrten Mütze.
„Ja, natürlich,“ antwortete ein Freund von ihm. „Da können wir doch schöne Hasen jagen.“
Nun wollte auch der Teufel in die Disko, um zum ersten Mal in seinem Leben schönen Frauen zu begegnen. Doch gab es ein Problem. Der dumme Teufel hatte keine Ahnung, was eine Disko war. Deshalb ging er heim und las schnell ein Buch durch. Der Titel des Buches lautete „Unterhaltung auf der Erde“. Danach kaufte er sich ein silbernes Kostüm, das im Buch als die schickste Kleidung in der Disko beschrieben wurde. Das war zwar nicht das neuste Buch in der Hölle, aber das hatte der Teufel natürlich übersehen. Schlieβlich ging er in die Disko.
Da begegnete er einer alten Frau, die die zeitgemäβe Groβmutter vom Rotkäpchen war. Sie hatte sich umgezogen und trug einen rosa Minirock und eine kurze Bluse. Gleich fühlte der junge Teufel, dass er verliebt war. So was hatte er noch nie durchlebt. Davon war er ganz überzeugt. Er ging zur alten Frau und sagte: „Du bist ein schönes Mädchen.“
„Ich hab’ keine Zeit,“ antwortete sie. „Ich muss mich nach Rotkäpchen umschauen. Der böse Wolf hat sie bestimmt ins Bett gebracht. Sie kann zu einem Mann einfach nicht nein sagen.“
„Vielleicht darf ich dich mit mir in die Hölle bringen?“ fragte der Teufel. „Da können wir zusammen Spaβ haben.“
„Bist du wahnsinnig oder besoffen“ war die alte Frau erstaunt. „Mit dir komme ich sicherlich nicht mit.“
Der Teufel wollte sie noch umstimmen. „Ich unterhalte da ein Geschäft...“ began er schmeichlerisch.
„Hau ab!“ schrie die Groβmutter und stieβ ihn mit ihrem Spazierstock in den Bauch.
Es war dem Teufel noch nie widerfahren, dass ein sterblicher Mensch ihm widersprach. Er wurde böse und nahm de alte Frau mit sich in die Hölle, ohne zu fragen, ob sie das mochte oder nicht. Da sah sie sein prächtiges Heim und wollte nicht mehr weg von ihm. Er machte sie zu seiner Frau. Der Teufel hatte die alte Frau nicht überschätzt. Sie wurde die schrecklichste Fürstin der Hölle. Wenn sie sich begegneten, sagte die Frau oft zu ihrem Mann: „Ich hasse dich sehr.“ „Ich hasse dich auch,“ antwortete der Teufel und küsste sie, denn er durchschaute seine Frau. In Wirklichkeit liebte sie ihn. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich zusammen.
AutorInnen: Heilika Leinus, Sirje Vägi, Svetlana Ots
Rote Fantasie
Es ist Tag, der erste Januar 2011. Maria und ich sitzen auf einer Parkbank.Wir haben uns lange Zeit nicht gesehen, deshalb unterhalten wir uns äußerst leidenschaftlich und gut gelaunt. Auf einmal schaut Maria auf die Uhr und sagt: Es ist schon eine Minute nach eins. Das bedeutet also Abschied.
Dann drücken wir einander die Hand und umarmen uns. Wir kehren uns schon um, bereit wegzugehen. Im selben Augenblick fühle ich wie Maria und sie fühlt wie ich. Wir werden wie eine Person. Ich weiβ genau, was sie denkt und sie weiβ auch alles über mich.
Wir stehen im Park Rücken an Rücken und die Beine sind wie im Boden verankert. Wir können uns nicht bewegen. Die Ohren werden taub. Dumpfes Dröhnen. Über unseren Häuptern schwebt eine glitzernde und blinkende fliegende Untertasse. Vor uns stehen plötzlich zwei durchsichtige Männer. Jetzt werden wir von einem roten Strahl durchblitzt.Wir werden leicht und schon schweben wir in die Luft. Wir steigen in die flimmernde Untertasse ein,wobei wir uns überhaupt nicht dem Zog widersetzen können. Auf der glänzenden Flugmaschine steht „Rote Fantasie“.
Schon liegen wir auf irgendeinem heiβen Untersetzer. Rings um uns stehen viele Männer, ca. 1,50 Meter groß. Diese sind alle fast gleich groβ. Sie sind halb durchsichtig, deswegen sehen wir ihre Organe. Sie haben rote Haare und grüne Augen.
Überall surren verschiedene Apparate.Ein „Herr“ bohrt mit einem Bohrer in meinen beiden Ohren. Es tut aber gar nicht weh. Der andere zieht mir die Trommelfelle aus und tauscht diese gegen neue silberne Trommelfelle.
Der Maria legt man neue goldene Augen an. Uns beiden öffnet man auch das dritte Auge. Unter anderem bemerken wir mit welcher Achtsamkeit und Interesse die Fremdlinge unsere Herzen prüfen. Das versetzt uns aber beide in Erstaunen, denn wir begreifen nicht, was es dort so gründlich zu untersuchen gibt. Dann schaut einer von denen mir mit seinem grundlosen Blick tief in die Augen und sofort verstehe ich, wieso das Herz bei ihnen so eine wichtige Rolle spielt. Zwar haben die Wesen, die uns heilen, zwei Herzen: das eine auf der linken und das andere auf der rechten Seite. Mit dieser wortlosen Sprache gibt er mir Bescheid, warum wir auf der Erde nur ein Herz haben. Das ist so, weil wir nur eine Sonne haben. Für ihren Planeten dagegen gibt es zwei Sonnen, die den am Leben halten.Aus diesem Grunde haben sie dann auch zwei Herzen.
Als dieser sogenannte schmerzlose Schnitt zu Ende ist, spazieren wir auf ihrem Heimatplaneten umher. Darauf gibt`s alles, was ein irdischer Mensch sich vorstellen kann und noch viel mehr. Gras und Bäume, so wie auf der Erde. Hier sind Aufzüge, Fahrstühle, Roll- und Fahrtreppen. So brauchen sich die Fremdlinge beim gehen auf den Straβen nicht so viel zu bemühen. Die Bewohner dieses Planeten sind gut gebaut und sehen hübsch aus. Sie sind nicht kränklich oder krüppelhaft, denn sie essen nur das und genau so viel, wie der Computer angibt. Alles geht nach dem Programm. Wenn sie ein Kind wollen, dann müssen sie es sich einfach wünschen und ganz detailliert vorstellen. Die Fremdlinge sterben dann, wenn sie das selber wollen. Ihre Leichname werden in einer Sekunde zu Asche verwandelt. Nur die Körper verschwinden – Seele und Geist bestehen und suchen sich einen neuen Leib. Diese Auβerirdischen können weit und breit verreisen. Sie müssen sich vor den Geistesaugen nur eine passende Gegend beschwören und sofort sind sie da. Fürchterlich scheint bei dem Ganzen, dass sie fast überhaupt nicht ihre Miene ändern. Weder freuen sie sich, noch sind sie traurig, weder lachen, noch weinen sie. Aus einer Kiste nehmen wir für uns beide drei gelbe Tabletten: Diese sollen die Zeit vergehen lassen...
Nachdem wir die Tabletten heruntergeschluckt haben, sind wir schon wieder auf der Parkbank. Es ist irgendwie sehr komisch, wir können nicht zu uns kommen. Ich gucke auf die Uhr – es ist eine Minute nach eins… Unserer Meinung nach sind wir „dort“ mindestens zwei Stunden gewesen. Wir schauen uns um: Ganz viele Leute gehen an uns vorbei. Ich kann ihre Gedanken hören, ganz klar und deutlich. Maria kann ihre Zukunft sehen. Ich höre das Licht und die Farben und sie sieht Stimmen und Klänge. Wir schmecken den Wind und riechen, dass es bald schneien wird. Ja und zwei Stunden später sind die Straβen verschneit.
Autoren: Ivar Kalaus, Maria Saks