2009/03/13

Kurze Geschichte der deutschen Literatur, II

Es war Karnevalzeit. Die Kölner waren in guter Laune, sie tanzten und heulten herum. Im Franken gab es Faschingsfeier, Bayern war mit Bier überflutet. Alle waren glücklich und wenig kultiviert. Niemand bemerkte die zwei unglücklichen Gestalten auf der dunklen Straβe. Sie suchten nach einem Schlafort, konnten aber nichts finden. Es waren Thomas und Maria und sie waren nicht glücklich.

Die Aufgabe, die ihr Meister ihnen gegeben hatte, war schwer zu erfüllen. Die Verzweiflung war nicht mehr weit weg. Sie waren von Tür zu Tür gegangen, hatten von einer hohen Kultur und gebildeten Sprache gepredigt, wurden aber nicht erhört. Thomas setzte sich auf einen groβen Stein und seufzte lang. Was sollte er tun? Was konnten sie für die deutsche Literatur noch machen? Plötzlich wurde der dunkle Himmel hell, fast augenwehtuend, und sie sahen eine Gestalt vor ihnen. Es war der Hesse. Er kam aus Osten und kannte alle östlichen Religionen und Sprachen. Er war ein hochgebildeter Mensch und darum sehr allein, ein Steppenwolf, sozusagen.
Er lehrte die beiden vieles über die Welt und Thomas und Maria entschieden weiter zu kämpfen. Meister Goethes Traum musste erfüllt werden! So schrieb Thomas den „Zauberberg“ um den Menschen zu erklären, dass sie ihr Leben nur verschwendeten. Es war ein groβer Erfolg. Thomas wurde sehr berühmt. Die Menschen wollten aktiver sein und mehr wissen. So schrieb er noch „Tod in Venedig“ und „Buddenbrooks“, beide, vom Inhalt eher eine nicht so wichtige Lektüre, waren aber die besten Lehrbücher für hohe Sprache und Kommasetzung.

Die Maria wurde von Hesse aber deutlich anders beeinflusst. Sie interessierte sich sehr für die östliche Kultur. Sie lernte viele fremde Sprachen kennen und verstand bald, dass die westliche Kultur nicht mehr Entwicklungsfähig war. Dazu schrieb sie einen sehr kritischen Roman „Im Westen nichts Neues“ und erweckte unterschiedliche Gefühle in den Deutschen. Thomas war enttäuscht, dass seine Partnerin solche Skandale vom Zaun gebrochen hatte und ihre Beziehung wurde immer kälter.

Marias Schockbuch leitete mehrere neue Denkweisen ein. Plötzlich gab es Expressionisten, Surrealisten, Klassizisten, Futuristen, Avantgardisten, Kommunisten und Optimisten und sie alle veröffentlichten neue Bücher, die ihr Weltbild beschrieben. Es war die Zeit, als die ersten Büchergeschäfte geöffnet wurden, es war die Zeit, wenn die Bücherregale in Mode kamen. Der kulturelle Raum Deutschland war abrupt mit so viel gefüllt, dass es die Gefahr einer literarischen Explosion gab. Der Thomas und die Maria hatten viel zu tun, viele Menschen zu belehren und sie bemerkten nicht, wie aus dieser Entwicklung dann allmählich Chaos wurde. Die Sprache war zerrissen zwischen Leuten, die es nach ihrer Ansicht reformieren wollten, und denen, die etwas radikal anderes machen wollten.

Doch gab es schon neue Helden, neue Personen, die die deutsche Sprache retten sollten. Sie standen schon vor dem Brandenburger Tor und warteten, bis sie eintreten sollten. Der gröβere legte seine Opiumpfeife in die Tasche und ohne Zögerungen traten sie ein.


Jetzt erscheinen die Hymne und Wörter
Wachsen Bücherregale im Heim
Sind tolle Söhne und Töchter
Für Hochsprache bereit

Man muss lesen und immer denken
Dann entwickelt sich auch Kultur
Dann kann ja niemals sinken,
Was ist wichtig, schön und pur

von Mihkel Seeder

2009/01/12

Kurze Geschichte der deutschen Literatur, I

Am Anfang war Goethe! Oder exakter gesagt, seine Faust, die er gegen die große Tafel schlug, um eine schnellere Bedienung in dem Eckencafe´ hervorzurufen. So saβ er da, ganz allein, nur die heiβe Tasse Tee dampfte ruhig mit seinem tiefen Atemrhythmus im gleichen Takt. Er wollte etwas Neues schaffen. Es gab schon Faust. Es gab sogar zwei Fäuste, er sah sie beide bedeutungsvoll an. Auch Werther existierte schon. Sein junges Herz wollte aber nicht mit dem alten Goethe zusammen Zeit totschlagen, sondern er verbreitete allerlei Leiden in der ganzen Welt.

Deutschland war damals noch klein. Das Gebiet selbst war schon bemerkenswert, doch gab es keinen inneren Stoff. Die Hülle war mit Fürsten, Kriegen und schlechter Grammatik bedeckt, der Kern war aber leer, eine Steppe, und der arme Goethe war der einsame Wolf in dieser Wüste, ein Auβenseiter, ein Genie, der so anders war, dass er weder einer Gruppe zugehörte, noch mit jemandem reden konnte.

So schuf er Schiller – sein zweiter Sohn nach Werther, doch deutlich begabter und stabiler. Der Schiller liebte Deutschland und besonders die deutsche Sprache. Er doppelte den Wortschatz und erfand solche Neuigkeiten, wie Futur II und Genitiv. Goethe war stolz auf ihn. Er sah, wie sein Lieblingssohn wuchs und wurde dadurch inspiriert „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu schreiben. Die Götter hatten ihn berührt und es war seine Pflicht dieses Wissen an das Volk zu verteilen. Er war Prometheus, und seine Werke waren das Licht. „Wilhelm Meister“ war ein Entwicklungsroman, eine Genre, das die Deutschen auch noch heute beeinflusst. Es war Goethes Lehre: ein Mensch muss sich immer entwickeln, statt Steine soll er Stahl benutzen, statt Papyrus Papier.

Natürlich gab es allerlei andere heidnische Lehren. Leute wie Walther von der Vogleweide, Hartmann von Aue, oder fast eine satanistische Gruppe, die Naturalisten, wollten immer beweisen, dass der Mensch nicht entwicklungsfähig ist. Viele Leute hörten auch den Demagogen zu und wurden nie frei. Das richtige Denken kam aus Goethes Faden, und die Deutschen, die seine Werke lasen, waren deutlich geprägter und gebildeter.

Kleiner Schiller machte viel, um seinem Vater zu helfen: er entwickelte Dramen und eine hohe Sprachebene, die nur gebildete Leute verstehen konnten. Bei der Uraufführung von „Maria Stuart“ von Schiller gingen fast alle Zuschauer weinend weg – sie verstanden die hohe und mit Metaphern bewaffnete Sprache nicht. Doch blieben sie nicht geschlagen, sondern wollten mehr wissen. Bald wurde die erste deutsche Universität gegründet. Der Begründer Humboldt war ein Lehrling Goethes, ein toller und mutiger Mann. Sein Gestalt inspirierte Goethe „Götz von Berlichingen“ zu schreiben. Schiller nannte seine Vision von Humboldt „Wilhelm Tell“. Die beiden Geschichten waren fast identisch und es gab einen Streit zwischen den zwei Autoren. Dem Missverständnis der groβen Männer nutzten andere Kleinpoeten, wie Kleist, Klopstock oder Eichendorf. Ihre Stücke fanden aber niemals richtig einen Platz in deutschen Herzen und bald waren sie schon vergessen.

Goethe andererseits hatte aber noch viel vor. Er war neidisch, dass die Engländer schon literarisch so hoch gebildet waren. Auch deutsche Literatur musste groβ werden, gröβer als alles anderes. Ihm war auch klar, dass er nicht viel Zeit hatte, der Körper war alt, die Fäuste schwach, sein Lieblingskind Schiller plötzlich tot - er war aus der Puste.

Goethe verstand, dass er selbst seinen Nachfolger bestimmen sollte. So formte er aus Klei einen Mann, er nannte ihn Thomas. Doch brauchte alles im Universum eine andere Seite, wie Goethe Schiller brauchte, wie deutsche Bücher den Buchdruck Gutenbergs brauchten. Goethe dachte lange und entschied dann, dass die andere Seite des Mannes Maria heiβen sollte. Drei Tage später starb er. Es war ein heftiger Rückschlag für die deutsche Literatur, aber die Hoffnung war längst nicht weg.


Der Meister ist verschwunden
Wir sind jetzt ganz allein
Er hat uns klar gezwungen
Tapfer und mutig zu sein

Muss jemand doch mit Liebe
Die Sprache züchten gut
Und die Literaturnichtlieber
Schlägt des Meisters Wut


von Mihkel Seeder