Deutschland war damals noch klein. Das Gebiet selbst war schon bemerkenswert, doch gab es keinen inneren Stoff. Die Hülle war mit Fürsten, Kriegen und schlechter Grammatik bedeckt, der Kern war aber leer, eine Steppe, und der arme Goethe war der einsame Wolf in dieser Wüste, ein Auβenseiter, ein Genie, der so anders war, dass er weder einer Gruppe zugehörte, noch mit jemandem reden konnte.
So schuf er Schiller – sein zweiter Sohn nach Werther, doch deutlich begabter und stabiler. Der Schiller liebte Deutschland und besonders die deutsche Sprache. Er doppelte den Wortschatz und erfand solche Neuigkeiten, wie Futur II und Genitiv. Goethe war stolz auf ihn. Er sah, wie sein Lieblingssohn wuchs und wurde dadurch inspiriert „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu schreiben. Die Götter hatten ihn berührt und es war seine Pflicht dieses Wissen an das Volk zu verteilen. Er war Prometheus, und seine Werke waren das Licht. „Wilhelm Meister“ war ein Entwicklungsroman, eine Genre, das die Deutschen auch noch heute beeinflusst. Es war Goethes Lehre: ein Mensch muss sich immer entwickeln, statt Steine soll er Stahl benutzen, statt Papyrus Papier.
Natürlich gab es allerlei andere heidnische Lehren. Leute wie Walther von der Vogleweide, Hartmann von Aue, oder fast eine satanistische Gruppe, die Naturalisten, wollten immer beweisen, dass der Mensch nicht entwicklungsfähig ist. Viele Leute hörten auch den Demagogen zu und wurden nie frei. Das richtige Denken kam aus Goethes Faden, und die Deutschen, die seine Werke lasen, waren deutlich geprägter und gebildeter.
Kleiner Schiller machte viel, um seinem Vater zu helfen: er entwickelte Dramen und eine hohe Sprachebene, die nur gebildete Leute verstehen konnten. Bei der Uraufführung von „Maria Stuart“ von Schiller gingen fast alle Zuschauer weinend weg – sie verstanden die hohe und mit Metaphern bewaffnete Sprache nicht. Doch blieben sie nicht geschlagen, sondern wollten mehr wissen. Bald wurde die erste deutsche Universität gegründet. Der Begründer Humboldt war ein Lehrling Goethes, ein toller und mutiger Mann. Sein Gestalt inspirierte Goethe „Götz von Berlichingen“ zu schreiben. Schiller nannte seine Vision von Humboldt „Wilhelm Tell“. Die beiden Geschichten waren fast identisch und es gab einen Streit zwischen den zwei Autoren. Dem Missverständnis der groβen Männer nutzten andere Kleinpoeten, wie Kleist, Klopstock oder Eichendorf. Ihre Stücke fanden aber niemals richtig einen Platz in deutschen Herzen und bald waren sie schon vergessen.
Goethe andererseits hatte aber noch viel vor. Er war neidisch, dass die Engländer schon literarisch so hoch gebildet waren. Auch deutsche Literatur musste groβ werden, gröβer als alles anderes. Ihm war auch klar, dass er nicht viel Zeit hatte, der Körper war alt, die Fäuste schwach, sein Lieblingskind Schiller plötzlich tot - er war aus der Puste.
Goethe verstand, dass er selbst seinen Nachfolger bestimmen sollte. So formte er aus Klei einen Mann, er nannte ihn Thomas. Doch brauchte alles im Universum eine andere Seite, wie Goethe Schiller brauchte, wie deutsche Bücher den Buchdruck Gutenbergs brauchten. Goethe dachte lange und entschied dann, dass die andere Seite des Mannes Maria heiβen sollte. Drei Tage später starb er. Es war ein heftiger Rückschlag für die deutsche Literatur, aber die Hoffnung war längst nicht weg.
Der Meister ist verschwunden
Wir sind jetzt ganz allein
Er hat uns klar gezwungen
Tapfer und mutig zu sein
Muss jemand doch mit Liebe
Die Sprache züchten gut
Und die Literaturnichtlieber
Schlägt des Meisters Wut
Wir sind jetzt ganz allein
Er hat uns klar gezwungen
Tapfer und mutig zu sein
Muss jemand doch mit Liebe
Die Sprache züchten gut
Und die Literaturnichtlieber
Schlägt des Meisters Wut
von Mihkel Seeder